Zwei junge IV-Rentner über Arbeitsmassnahmen: «Die Hürden sind zu gross»
Bundesrat und Parlament wollen verhindern, dass junge Menschen früh in der IV landen. Für viele Betroffene fühlt sich der Weg zurück in den Arbeitsmarkt aber fast unmöglich an – oder mit grossen Hürden verbunden.
watson hat nach einem Aufruf zahlreiche Rückmeldungen von jungen IV-Bezügern erhalten.
Zwei junge Männer erzählen anonym, was es für sie heisst, psychisch krank zu sein. Und gleichzeitig im System funktionieren zu müssen.
Leon: «Kein Verständnis für Rückfälle»
Leon ist 28 Jahre alt, Autist und hat ADHS. Er arbeitet als Grafiker in einer Sozialinstitution und kam über eine IV-Berufseingliederung dorthin. Eine Rente bezieht er aktuell nicht. Noch nicht, denn eine Rentenprüfung dürfte bald beginnen.
Er sagt, dass bereits dieser Schwebezustand viel Kraft fresse. «Alle Angebote der IV sind unglaublich kompliziert, langwierig und oft sehr kurzfristig», sagt Leon. Er wisse nicht, ob er in ein paar Monaten noch arbeiten dürfe, ob die Massnahmen verlängert werden oder ob die Rentenprüfung startet.
Seine Hauptkritik: «Der Fokus auf Eingliederung ist richtig, aber die Art, wie sie organisiert ist, ist für viele eine grosse Belastung. Das grösste Problem ist die schnelle Pensumsteigerung.» Wer nicht schnell «liefere», verliere die Unterstützung.
Gleichzeitig käme in der politischen Debatte etwas oft zu kurz: Rückfälle. «Rückfälle sind häufig und Arbeitgebende haben in der überwiegenden Mehrheit kein Verständnis, gerade für psychische Krankheiten».
Leon dachte, nach der Eingliederung könne er längerfristig 70 Prozent arbeiten. «Dies ging genau sechs Monate gut», sagt er. Danach sei er wieder zu 60 Prozent krankgeschrieben worden. «Das gilt nun als neue Krankheit und bedeutet, dass ich die berufliche Eingliederung erneut absolvieren muss. Nur so erhalte ich überhaupt die Chance, in eine Rentenprüfung zu kommen.»
Claudio: «Die Hürden sind zu gross»
Claudio ist heute 30 Jahre alt. Seit 2020 bezieht er wegen seiner psychischen Krankheiten eine volle IV-Rente. Diagnostiziert wurden bei ihm eine Persönlichkeitsstörung, eine Entwicklungsstörung und starkes ADHS. Der Weg in die IV habe sich bei ihm abgezeichnet: Er erlebte in der Kindheit bereits Traumata und brach danach mehrere Ausbildungen ab. «Ich war mein ganzes Leben in der IV-Pipeline», sagt er.
Heute arbeitet er in einem Büro auf dem zweiten Arbeitsmarkt in einem 50-Prozent-Pensum. Für ihn fühle sich das wie eine Sackgasse an, auch wegen des niedrigen Einkommens. «Ich habe es leider nie geschafft, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Die Hürden, das zu schaffen, seien einfach zu gross, wenn man psychisch leide.
Dass er finanzielle Unterstützung durch die Invalidenversicherung und durch Ergänzungsleistungen erhalte, sei entlastend. Und darauf sei er wegen seiner schweren Depressionen dringend angewiesen.
Würde der Zugang erschwert oder ganz wegfallen, würde es ihm psychisch noch schlechter gehen.
