Schweiz
Jung und IV

IV-Bezüger in der Schweiz schildern schwierige Arbeits-Reintegration

Ein Ausweis der Schweizer Invalidenversicherung (IV), fotografiert am Donnerstag, 24. Oktober 2024 in Bern. Die IV ist der bedeutendste Pfeiler der Invalidenvorsorge in der Schweiz (1. Saeule). Sie is ...
Invalidenversicherung: Es gibt immer mehr Rentner wegen psychischen Krankheiten. Bild: KEYSTONE
Jung und IV

Zwei junge IV-Rentner über Arbeitsmassnahmen: «Die Hürden sind zu gross»

Zwei junge Männer erzählen, wie sie unter ihren psychischen Krankheiten leiden. Und warum sie mit dem IV-System hadern.
02.05.2026, 10:3202.05.2026, 15:33

Bundesrat und Parlament wollen verhindern, dass junge Menschen früh in der IV landen. Für viele Betroffene fühlt sich der Weg zurück in den Arbeitsmarkt aber fast unmöglich an – oder mit grossen Hürden verbunden.

watson hat nach einem Aufruf zahlreiche Rückmeldungen von jungen IV-Bezügern erhalten.

Zwei junge Männer erzählen anonym, was es für sie heisst, psychisch krank zu sein. Und gleichzeitig im System funktionieren zu müssen.

Leon: «Kein Verständnis für Rückfälle»

Leon ist 28 Jahre alt, Autist und hat ADHS. Er arbeitet als Grafiker in einer Sozialinstitution und kam über eine IV-Berufseingliederung dorthin. Eine Rente bezieht er aktuell nicht. Noch nicht, denn eine Rentenprüfung dürfte bald beginnen.

Er sagt, dass bereits dieser Schwebezustand viel Kraft fresse. «Alle Angebote der IV sind unglaublich kompliziert, langwierig und oft sehr kurzfristig», sagt Leon. Er wisse nicht, ob er in ein paar Monaten noch arbeiten dürfe, ob die Massnahmen verlängert werden oder ob die Rentenprüfung startet.

Junge am Laptop
Leon arbeitet durch eine IV-Berufseingliederung zurzeit als Grafiker.Bild: pexels/ ArtHouse Studio

Seine Hauptkritik: «Der Fokus auf Eingliederung ist richtig, aber die Art, wie sie organisiert ist, ist für viele eine grosse Belastung. Das grösste Problem ist die schnelle Pensumsteigerung.» Wer nicht schnell «liefere», verliere die Unterstützung.

Gleichzeitig käme in der politischen Debatte etwas oft zu kurz: Rückfälle. «Rückfälle sind häufig und Arbeitgebende haben in der überwiegenden Mehrheit kein Verständnis, gerade für psychische Krankheiten».

Serie «Jung und IV»
Immer mehr junge Erwachsene beziehen Leistungen der Invalidenversicherung – oft wegen psychischer Erkrankungen. Die IV ist deshalb finanziell unter Druck. In dieser Serie erzählen junge Betroffene, warum sie psychisch krank wurden und in der IV landeten. Dazu liefern wir Zahlen, ordnen ein und zeigen, welche Reformideen in Bern diskutiert werden. Teil 1: Amélie. Teil 2: Zahlen zur IV. Teil 3: Zwei junge IV-Rentner erzählen. Teil 4: Interview mit Pro Juventute. Teil 5: Jenny. Teil 6: Das sagt die Politik.

Leon dachte, nach der Eingliederung könne er längerfristig 70 Prozent arbeiten. «Dies ging genau sechs Monate gut», sagt er. Danach sei er wieder zu 60 Prozent krankgeschrieben worden. «Das gilt nun als neue Krankheit und bedeutet, dass ich die berufliche Eingliederung erneut absolvieren muss. Nur so erhalte ich überhaupt die Chance, in eine Rentenprüfung zu kommen.»

Claudio: «Die Hürden sind zu gross»

Claudio ist heute 30 Jahre alt. Seit 2020 bezieht er wegen seiner psychischen Krankheiten eine volle IV-Rente. Diagnostiziert wurden bei ihm eine Persönlichkeitsstörung, eine Entwicklungsstörung und starkes ADHS. Der Weg in die IV habe sich bei ihm abgezeichnet: Er erlebte in der Kindheit bereits Traumata und brach danach mehrere Ausbildungen ab. «Ich war mein ganzes Leben in der IV-Pipeline», sagt er.

Heute arbeitet er in einem Büro auf dem zweiten Arbeitsmarkt in einem 50-Prozent-Pensum. Für ihn fühle sich das wie eine Sackgasse an, auch wegen des niedrigen Einkommens. «Ich habe es leider nie geschafft, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Die Hürden, das zu schaffen, seien einfach zu gross, wenn man psychisch leide.

Dass er finanzielle Unterstützung durch die Invalidenversicherung und durch Ergänzungsleistungen erhalte, sei entlastend. Und darauf sei er wegen seiner schweren Depressionen dringend angewiesen.

Würde der Zugang erschwert oder ganz wegfallen, würde es ihm psychisch noch schlechter gehen.

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186 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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leed
02.05.2026 11:07registriert Januar 2016
Viele bleiben IV Bezüger, weil bei einem Wechsel die Ansprüche verfallen und eine Neueingliederung locker 2 Jahre - bei vollem Lohnausfall - bedeutet. Das obwohl schon beim ersten Mal alles abgeklärt wurde.
Mit dem System kann man nicht erwarten, dass IV Bezüger es zurück in dem 1. Arbeitsmarkt schaffen.
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Butschina
02.05.2026 10:54registriert August 2015
Ich begann 2011 die Ausbildung zur Kauffrau E-Profil. Begleitet wurde die Massnahme von der IV und meine 100% Rente in ein Taggelf umgewandelt. Im 2. Lehrjahr wechselte ich in den 1. ARbeitsmarkt. Leider kam ein halbes Jahr später eine schwere Spätfolge meines Unfalles und ich musste abbrechen. Nach 1,5 Jahren Spital und Reha mit mehreren OPs wollte ich im 2014 erneut die Eingliederung starten, wieder im 2. Arbeitsmarkt. Arbeitgeber, IV und Schule waren mit einem 50% Pensum einverstanden. Das Berufsbildungsamt war dagegen. Unter 80% geht nur für Sportler aber nicht für Behinderte.
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Medikus
02.05.2026 10:38registriert April 2017
Was die Politiker, die das fordern, nicht verstehen, ist dass es gewisse junge Menschen gibt, die einfach nicht in diesem System funktionieren können. Diese jungen Menschen sind ohne Hilfe von aussen nicht selbsständig in der Lage, ein Leben zu führen, wie es Otto Normalbürger kann. Es braucht für solche Menschen ein Netz, damit sie nicht komplett in die Armut abrutschen.
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